Mut und Übermut

Mir fällt – vor allem auf Clubturnier-Level, manchmal aber auch bei Großturnieren auf, dass mit den Farbüberrufen auf die Eröffnung des Gegners ziemlich viel Unfug getrieben wird.

Ein Farbüberruf nach der Eröffnung des Gegner sollte ja, so lehrt die Lizittheorie, vor allem auf einer guten Farbqualität gegründet sein. Natürlich braucht man auch ein paar Punkte (in den meisten Skripten liest man, dass im 1. Stock ca. 8 Punkte erforderlich sind, im 2. Stock mindestens 10 – erstere Grenze würde ich persönlich gern ein bisschen nach unten verschieben, die zweite nach oben).

Und dann gibt es noch die “LAWRENCE-REGEL”, die ich für sehr gut und hilfreich erachte, und die uns hilft, zu beurteilen, ob eine Farbe geeignet für einen Überruf ist, wenn man in DIREKTER POSITION nach der Gegnereröffnung liziteren möchte. Und die funktioniert so:

Zählen Sie die ANZAHL DER KARTEN in der Farbe, die Sie überrufen möchten, und die FIGUREN IN DIESER FARBE zusammen. Ist diese Summe größer oder gleich der ANZAHL DER STICHE, die Ihr Gebot verspricht (also 7 für ein Gebot im 1. Stock, 8 im 2. Stock…), dann können Sie Ihre Farbe ansagen. Wenn Sie kleiner ist, sollten Sie auf dieses Gebot verzichten.

Ich verwende diese Regel GANZ STRIKT für meine Farbüberrufe im 2. Stock. Bei mir kann der Partner nach 1 Pik des Gegners und 2 Karo von mir ganz verlässlich damit rechnen, dass er so etwas wie 2 Hochfiguren zu 6. in Karo und eine Primäransage auf den Tisch gelegt bekommt, wenn er sich todesmutig entschließt, 3 NT versuchen zu wollen.

Im 1. Stock drücke ich dann ab und zu ein Auge zu, wenn es drum geht, eine 5er Oberfarbe zu zeigen, die ganz knapp an der Lawrence-Regel vorbeischrammt (also z.B. KT9xx) – aber nur dann, wenn ich ein paar Zusatzpunkte habe (also etwa ab 11,12…). Mit 8 Punkten darf ich auf meine Teilnahme am aktiven Lizit ja auch einmal verzichten.

Mit den Partnern, mit denen ich mich auf diese Vorgangsweise geeinigt habe- und das sind ALLE meine LIEBELINGSPARTNER:) – schwinden daher auch viele Ausspielprobleme. Wenn mein Partner eine Farbe in der direkten Position angesagt hat, dann spiele ich sie aus – und wenn der Gegner dahinter 3 mal Ohne lizitert hat. Ja der hat vermutlich 2 Stopper in der Farbe – aber den Rest hat dann mein Partner. Daher: Auf ihn mit Gebrüll… (den ersten gegnerischen Stopper nämlich).

Eine interessante Partie zum Thema Lizit einer Farbe und Ausspiel stammt aus einer JuniorenEM:

Bildschirmfoto 2013-11-26 um 14.05.09

Nach der Eröffnung von 1 Karo passte Süd, West sprang in 3 NT und wer will nun dem armen Nordspieler einen Vorwurf machen, dass er nicht das tödliche Pik-Ausspiel fand.

Auf dem anderen Tisch eröffnete Ost mit einer schwachen 1 NT – Eröffnung (12 -14), West sprang ebenfalls in 3 NT und für Süd war das “killing lead” natürlich kein Problem.

Der einzige der diesen Manche-Swing hätte verhindern können wäre der Südspieler an Tisch 1 gewesen, wenn er sich ganz, ganz mutig mit 1 Pik ins Gefecht geworfen hätte. Dann wäre es nichts geworden mit einer erfüllten Manche auf OW.

Mutig. Sehr, sehr mutig sogar, und manche würden vielleicht sogar sagen:  übermütig. Aber die Farbqualität nach der Lawrence-Regel spricht dafür…

Doch gar nicht soooooo schwer…

Bildschirmfoto 2013-11-19 um 11.48.09Heute gibt es wieder ein Handspiel-Training. Nord wird es wahrscheinlich kaum glauben können, wenn Süd mit 1 NT beginnt. Und wenn er dann ein paarmal die Punkte zusammengezählt hat, wird er wohl kein anderes Gebot finden, als 7 NT.
Der Gegner spielt den Treff Buben aus.

Wie schaut der Handspielplan aus?
Unglücklicherweise hat man in Treff zwar die 3 höchsten Karten, aber trotzdem nur 2 Stiche. Und daher sind es insgesamt auch nur 12 Topstiche, anstelle der benötigten 13.

Was also nun?

Man hat ja einmal 2 Chancen zu einem 13. Stich zu kommen, wenn die fehlenden 6 Herz-Karten oder die fehlenden 6 Pik-Karten beim Gegner 3-3 verteilt sind.

Und wenn nicht?

 

Stellen Sie sich vor, einer der beiden Gegner hat mindestens 4 Herz UND 4 Pik-Karten. Das heißt er hat maximal 5 Karten in den Unterfarben. Und wenn Sie jetzt vor dem Abspiel der Oberfarben einfach Ihre 6 Unterfarbenstiche in beliebiger Reihenfolge abziehen, dann muss er doch eine seiner wertvollen Oberfarbenkarten abwerfen – und genau diese Oberfarbe liefert Ihnen dann den 13. Stich.

Die gesamte Austeilung schaut so aus:

 

Bildschirmfoto 2013-11-19 um 11.49.00

 

In der Praxis können Sie den Ablauf des Spiels für sich so vereinfachen. Sie halten Ausschau nach den Abwürfen in einer Oberfarbe und zählen da ganz genau mit. Nachdem Sie 2x Treff und 4 x Karo gespielt haben, testen Sie nun die Pik. Wenn nun die 13. Pik-Karte hoch ist – wunderbar, 13 Stiche. Wenn nicht, dann spielen Sie nun Herz. Wenn die auch nicht zieht, hat es keinen Abwurfzwang gegeben und Sie haben Pech gehabt.

So – jetzt haben wir gemeinsam einen Squeeze durchgeführt, der als eine besonders schwierige Spieltechnik berühmt-berüchtigt ist. Aber soooo schwer war’s doch gar nicht, oder?

 

Scharfe Klingen

Eine Konvention, die den Gegner vor ausgesprochen schwierige Probleme stellt, ist die sogenannte “mini-Multi” (ich bezeichne sie auch gern als “Terroristen-Multi”…

Dabei wird mit der Eröffnung von 2 Karo ein extrem schwaches Blatt mit einer Oberfarbe gezeigt. In 2. Gefahrenlage sollten es 6 Stück sein, in 1. Gefahrenlage auch einmal nur 5 – und das bei einer Blattstärke von 4 – 7 Punkten.

Die Eröffnungen von 2 Herz und 2 Pik zeigen dann gute Weak Twos: Immer eine 6er Farbe, gute Farbqualität, 8 – 11 Punkte.

Wie unangenehm diese Störgebote für den Gegner sein können, zeigen folgende beiden Partien:

Bildschirmfoto 2013-11-14 um 08.21.46

 

Ich habe großes Verständnis dafür, dass Ost sich mit einer respektablen 6er Farbe und einer Primäransage mit 3 Karo ins Gefecht wirft. Leider endet das Abenteuer für ihn diesmal mit 2 – 3 kontrierten Fallern.

 

Bildschirmfoto 2013-11-14 um 08.27.05

In dieser Partie hätten Nord/Süd ins Limit kommen müssen. Aber wie? Eine Farbintervention im 3. Stock ist ein Ritt über den Bodensee. Aufmachkontra hat auch keiner… Bei einem amerikanischen National wurde die Hand von einem ausgezeichnetem Paar jedenfalls nicht gelöst.

Bei aller Euphorie über diese Konvention allerdings eine kleine abschließende Warnung:

1. Es geht nicht immer gut aus… 🙂 (aber oft!)

2. Man benötigt in der Partnerschaft genaue Ausmachungen, wie das Lizit weitergeht, nachdem mit der mini-Multi eröffnet wurde. Vor allem auch dann, wenn der Gegner im Lizit mitmischt – welche Kontras sind Strafkontras, welche Gebote sind forcierend, einladend oder schwach…

Ich halte die mini-Multi für eine ganz scharfe und tolle Waffe, aber nur für Partnerschaften, die willens sind, genau an ihrem System zu feilen und auch detailiertere Sequenzen zu besprechen. Also ganz sicher nichts für Gelegenheitspartnerschaften! Jede Konvention, die man nur zum Teil beherrscht, bringt auf lange Sicht VIEL mehr Schaden als Nutzen.

Stichzwang?

Versuchen Sie mit den folgenden Blättern mit der Südhand 5 Karo zu gewinnen, nachdem West mit 1 Pik eröffnet hat. West spielt den Pik K aus. Bildschirmfoto 2013-11-04 um 19.54.17 Da West eröffnet und damit die Mehrzahl der fehlenden Punkte hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Herz-Expass daneben geht. Und da liegt auch schon das Problem bei der Durchführung: Wenn Sie die Treff entwickeln wollen, kommt Ost zu Stich, spielt Herz durch – und schon haben Sie 1 Treff-Stich und 2 Herz-Stiche abgegeben und damit einen Faller eingefahren. Aber glücklicherweise gibt es ja im Bridge keinen Stichzwang. Und damit eine viel, viel bessere Durchführung, die verhindert, dass Ost – der gefährliche Gegner – zu Stich kommt. Ducken Sie den ausgespielten Pik König! Sie verschenken damit keinen Stich, weil Sie ja dann in weiterer Folge einen Treff-Verlierer der Südhand abwerfen können. Nun können Sie die Treff hochschnappen (dabei dürfen Sie allerdings keinesfalls den Karo 4er verwenden – den brauchen Sie später, um damit zum Karo 5er zu gelangen, damit Sie die hochgespielte Treff dann auch noch abspielen können). Nehmen wir also an, West spielt zum 2. Stich Karo. Sie stechen in der Hand, spielen Treff zum Ass, werfen auf den Pik König Treff weg, schnappen eine Treff mit einer hohen Karo, gehen mit Karo (nicht dem 4er!) zum Karo König des Tisches, schnappen eine weitere Treff mit einer hohen Karo und kommen nun mit dem Karo 4er zum Karo 5er des Tisches, um die restlichen hohen Treff-Karten abzuspielen, auf die Sie die Herz-Verlierer der Hand abwerfen. Die komplette Austeilung: Bildschirmfoto 2013-11-04 um 19.53.59