Eene, meene, muh…

Bridge ist ein Spiel, in dem sehr, sehr viel gezählt werden muss. An und für sich nicht schwierig, alles im Bereich elementarer Volksschulmathematik – aber da es so viele verschiedene Dinge gibt, die gezählt werden müssen, Punkte, Verteilungen und last but not least Stiche, wird das Thema doch sehr oft zu einer komplexen Angelegenheit, die nur mit einer gehörigen Portion an Konzentration zu bewältigen ist.

Betrachten Sie die folgende Austeilung aus der Warte des Westspielers, der gegen einen Kontrakt von 2 NT von Süd gegenspielen muss: (Das Gebot von 2 NT wäre im Übrigen ganz und gar nicht meine Wahl – aber schließlich kann man sich das Lizit der Gegner nicht aussuchen…:))

Bildschirmfoto 2013-12-26 um 08.41.47

West spielt also gegen 2 NT von Süd K2 aus, von Ost kommt die Q und Süd sticht mit dem K. Es folgt der PJ von Süd – 4-7-2, und eine weitere P, die West mit dem Ass sticht. Und nun?

Jetzt ist zählen angesagt – und zwar diesmal Stiche. Falls West im 1. Stich die Q von AQx gespielt hat (gut, um die Kommunikation zwischen den Gegenspielern offen zu halten), kann West jetzt 4 Karo-Stiche abziehen. Das Pik Ass hat er schon gemacht, sind also 5 Stiche, doch ein 6. ist weit und breit nicht in Sicht, da Süd ja in diesem Fall für sein 2 NT-Gebot sowohl den HK als auch das TA haben muss. Bei diesem Layout ist die Partie also nicht zu schlagen.

Auf welche andere Verteilung könnte West setzen, um den Kontrakt zu Fall zu bringen? Er braucht neben dem Pik Ass noch 5 weitere Stiche, und die können doch eigentlich nur aus der Treff kommen. West muss also hoffen, dass Süds 2 NT-Gebot aus Karo A und K und dem Herz K besteht und sein Partner daher das Treff Ass, den Treff J und und mindestens 3 weitere Treff-Karten hält.

Die Partie könnte z.B. so ausschauen:

Bildschirmfoto 2013-12-26 um 08.42.08

West wechselt nach dem Pik Ass auf den Treff K. Auf diese Weise machen die Gegenspieler 6 Stiche, bevor Süd seine  10 (!) Stiche abspielen kann.

Auf den Kopf gestellt

In der folgenden Partie gibt es eine interessante Durchführungssvariante, die eigentlich gar nicht so schwierig ist, aber trotzdem oft nicht gefunden wird, weil sie leicht zu übersehen ist.

Bildschirmfoto 2013-12-12 um 08.33.09

 

Nachdem Ost bis 5 Herz mitlizitiert hat, findet sich Süd in 5 Pik wieder. West spielt verständlicherweise Herz aus, und damit  ist die erste Hürde genommen: Der Alleinspieler muss nicht gleich die ersten 3 Karo-Stiche verlieren, kann About ziehen, auf die hohe Treff 2 Karos der Nordhand abwerfen und schlussendlich wenigstens 1 Karo-Verlierer am Tisch schnappen.

11 Stiche sind natürlich eine feine Sache – aber könne Sie nach Herz-Angriff einen Weg sehen, wie der Alleinspieler stolze 12 Stiche in seinem Kontrakt lukrieren kann?

Süd schnappt den Angriff, geht mit About zum Tisch schnappt eine weitere Herz, geht noch einmal mit Atout zum Tisch und schnappt die letzte Herz mit dem letzten Atout der Hand. Nun folgt Treff zum Tisch, das letzte Atout wird abgezogen und weitere 4 Treff-Stiche bringen die reiche Ausbeute des Alleinspielers auf 12 Stiche.

Die Spielweise, die hier zur Anwendung kam, heißt “dummy reversal”. Der Grund, warum sie oft übersehen wird, ist vermutlich folgender: Man muss hier etwas machen, was man normalerweise vermeidet: nämlich auf der langen Atoutseite schnappen. Nur wird die lange Atoutseite durch das oftmalige Schnappen dann eben doch zur kurzen Atoutseite. Und damit ist die Bridgewelt wieder in Ordnung…

Expertenlizit

Einen Schlemm zu erreichen, wenn man mit dem Partner gemeinsam 33 Punkte hat, ist meist nicht besonders schwierig. Aber Schlemms mit relativ wenigen Punkten, die auf Verteilungsstärke und langen guten Farben beruhen – das ist ein Thema, das meist nur den Experten vorbehalten ist.

Schauen Sie sich doch einmal die folgende Austeilung an:

Bildschirmfoto 2013-12-04 um 10.40.28

Süd beginnt als Teiler mit 1 Pik, Nord antwortet 2 Karo. Das 2 Herz-Gebot von Süd zeigt 5 Pik und 4 Herz. So weit, so einfach. Aber was sagt Nord jetzt?

3 Karo wäre in einem herkömmlichen Naturalsystem nicht forcierend, würde zwar die 6er Karo zeigen, aber nur 10-11 Punkte. Der Partner könnte dieses Gebot passen – das geht also gar nicht, wenn man 14 Punkte und der Partner eine Primäransage hat. Wahrscheinlich werden viele Nordspieler sich mit dieser Hand für ein 3 NT – Gebot entscheiden und diesen Kontrakt spielen. Ost hat ein natürliches Treff-Ausspiel und kann mit der Unterstützung seines Partners die ersten 5 Stiche in dieser Partie machen – 1 Faller.

Man hört zwar immer wieder, dass 1x nicht gutes Bridge sein soll – das kann aber wohl nicht für Situationen gelten, wo man in der Manche fällt, obwohl man einen Schlemm gewonnen hätte.

Eine tolle Lösung für solche Blätter bietet ein System, das “2 over 1 game forcing” heißt, und eine Weiterentwicklung des natürlichen 5er Oberfarben – Lizitsytems darstellt. In diesem System würde Nord bei seinem 2. Gebot einfach 3 Karo sagen können, weil in diesem System eine neue Farbe des Antworters im 2. Stock sofort bis zur Manche forciert. und dann läuft das Lizit wie auf Schienen weiter: Süd hebt mit der 3er Karo auf 4 Karo. Nord gibt mit 4 Herz ein Cuebid ab (zeigt also eine Kontrolle in dieser Farbe), darauf folgt 4 Pik von Süd (ebenfalls ein Cuebid) und die Assfrage (bei Roman Keycard Blackwood wäre das jetzt 4 NT – 5 Pik (2 Keycards + About Q) führt zu einem wunderbaren 6 Karo-Schlemm.

Für alle, die dieses System gerne lernen möchten: Es wird im nächsten Semester einen “2over1”-Kurs in Wien geben. Die Details veröffentlichen wir demnächst hier…